PräExpositionsprophylaxe
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Im Frühjahr 2016 wurde von der Firma Gilead das Medikament Truvada® bei der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) zur Zulassung für Präexpositionsprophylaxe eingereicht. Am 22. Juli 2016 sprach die Behörde eine Empfehlung in diesem Sinne aus. Am 22. August diesen Jahres wurde es schließlich unter Auflagen für diese Indikation zugelassen. Diese Auflagen sehen die Erstellung geeigneter Fachinformationen und Schulungsmaterialien für Anwender und Verordner vor. Solange diese nicht bereit stehen und von den entsprechenden Behörden genehmigt wurden, kann und darf das Medikament noch nicht als PrEP verschrieben werden.

Die Zulassung von Truvada® wollen wir zum Anlass nehmen, um Informationen über die Präexpositionsprophylaxe zu geben.


 Was ist PrEP?

Unter PrEP versteht man die Einnahme eines HIV-Medikaments durch HIV-negative Menschen, um sich vor einer HIV-Infektion zu schützen. Es handelt sich also um eine präventive Maßnahme. Die PrEP ist nur eine von mehreren Möglichkeiten, bei denen HIV-Medikamente (speziell auch Truvada®) zu Präventionszwecken eingesetzt werden. Zu den Anwendungsgebieten zur Infektionsverhinderung gehören außer der PrEP:

  • die zeitnahe Gabe von HIV-Medikamenten nach einem hochriskanten Kontakt mit einer HIV-positiven Person (PEP - Postexpositionsprophylaxe)
  • Gabe von HIV-Medikamenten an schwangere Frauen während der Schwangerschaft und unter der Geburt, um eine Übertragung von der Mutter auf das Kind zu verhindern (PMTCT)
  • und die routinemäßige HIV-Therapie für HIV-positive Menschen (TasP = Treatment as Prevention; Schutz durch Therapie).

Die PrEP gilt als alternative Präventionsmethode für Menschen, die Schwierigkeiten haben Kondome zu benutzen. Zu den Gründen, die sehr oft gegen Kondome angeführt werden, gehören: keine Erektion bekommen zu können; fehlende Intimität beim Sex, Alkohol- und Drogenkonsum und fehlende ökonomische und soziale Macht, vom Partner den Kondomgebrauch zu verlangen.
Es erscheint zu einfach und naiv zu sein, Menschen zu sagen, sie müssten einfach mehr üben und probieren, dann würde das mit dem Kondom schon funktionieren. Menschen müssen es selbst in der Hand haben, wie sie sich verhalten und wie und ob sie sich in bestimmten Situationen vor Risiken schützen wollen. Außerdem werden schon sehr lange präventiv Medikamente verschrieben: Ärzte geben sich nicht damit zufrieden, von ihren Patienten einzig und allein zu verlangen, mehr Sport zu treiben und auf das Rauchen zu verzichten, sondern verschreiben statt dessen Medikamente, die einem möglichen Herzinfarktrisiko vorbeugen.


 Wie wirkt die PrEP?

Die PrEP wird von Personen eingenommen, die selbst nicht HIV-positiv sind. Das Ziel ist, einen genügend hohen Wirkstoff des Medikaments im Blut aufzubauen. Dadurch soll die Vermehrung des HI-Virus verhindert werden, falls er beim Sex in den Körper gelangt.

Bislang ist ein Medikament für diesen Gebrauch zugelassen: Truvada®. Truvada® ist eine Kombination aus zwei Wirkstoffen (Tenofovir und Emtricitabin). Diese Kombination wurde gewählt, weil sie sich bereits bei der Therapie der HIV-Infektion bewährt hat, die Patienten über sehr wenig Nebenwirkungen klagen, hohe Konzentrationen in den Schleimhäuten des Urogenitaltraktes und des Rektums aufbaut und für eine relativ lange Zeit im Körper bleibt. Das Medikament wird überwiegend als Tablette verabreicht, allerdings sind auch andere Formulierungen möglich. So wurden beispielsweise in Studien über die Wirksamkeit der PrEP bei Frauen in Afrika Vaginalgels oder beschichtete Vaginal- und Analringe verwendet.

Streng genommen ist die PrEP eigentlich gar keine Präexpositionsprophylaxe. Eher erinnert sie an eine modifizierte Postexpositionsprophylaxe (bei der ja auch in der Standardversion Truvada® in Kombination mit anderen Medikamenten verwendet wird). Noch strenger genommen verhindert die PrEP auch eine Infektion nicht, denn bei den verwendeten Medikamenten handelt es sich um sogenannte Reverse-Transkriptase-Hemmer. Die Reverse Transkriptase ist ein virales Enzym, das das HI-Virus benötigt, um sich nach Eindringen in die Zelle vermehren zu können. Durch die PrEP soll dieses Enzym gehemmt und somit unwirksam gemacht werden. Das Virus kann sich nicht vermehren und wird vom Immunsystem unschädlich gemacht, ohne dass es zu einer Infektion kommen kann.


 Warum braucht man die PrEP, wenn es doch schon lange effektive Methoden der Verhütung gibt?

Kondome für Männer und Frauen bieten einen zuverlässigen Schutz gegen die HIV- und andere sexuell übertragbare Infektionen, wenn sie konsequent und konsistent angewendet werden (immer und immer richtig!). Auch andere Methoden Sex miteinander zu haben (Oralverkehr, gegenseitige Masturbation) reduzieren das Risiko einer Infektion mit dem HI-Virus. Trotz allem kommt es jährlich noch immer zu relativ vielen Neuinfektionen. In den Studien zur Wirksamkeit der PrEP kam es in den Kontrollgruppen (also bei den Personen, die ein Placebo eingenommen haben) zu einer sehr hohen Rate an Infektionen (in der PROUD-Studie waren es innerhalb eines Jahres 9% der Männer, die keine PrEP erhalten hatten). Man geht also davon aus, dass die PrEP einen hohen Anteil an Neuinfektionen verhindern könnte. Obwohl Kondome einen hohen Schutz bieten, wäre es also nicht mehr zweckmäßig, sie als allein akzeptable Methode der Prävention zu bezeichnen. Die PrEP gibt Klinikern und Beratern eine weitere Möglichkeit in die Hand, auf einige (nicht alle) Menschen einzuwirken, die mit Kondomen oder anderen Verhaltensweisen Probleme haben.


 Wie wirksam ist die PrEP?

Die PrEP wurde über einen langen Zeitraum in veschiedenen klinischen Studien auf ihre Wirksamkeit überprüft. Die ersten Studien aus den Jahren 2010 bis 2013 kamen aus unterschiedlichen Gründen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Hier eine Übersicht über die wesentlichen Studien seit dem Jahr 2010:

 

StudieJahrPopulationTeilnehmerzahlPrEPVerringerung der Infektionsrate
Bangkok tenofovir Studie2013drogengebrauchende Männer und Frauen, Thailand2413tenofovir Tabl.49%
CAPRISA 0042010Frauen, 18-40 Jahre, Südafrika889Tenofovir Vaginalgel39%
iPrEx2010MSM und transgender Frauen, international2499Truvada® (Tabl.)44%
FEM-PrEP2011Frauen, 18-35 Jahre, Afrika1950Truvada® (Tabl.)0%
Partners PrEP2011HIV serodiskordante Paare, Kenya und Uganda4758Truvada® (Tabl.) oder tenofovir (Tabl.)75% (Truvada®) / 67% (tenofovir)
TDF-2 2011 heterosexuelle Männer und Frauen, 18-35 Jahre, Botswana 1200 Truvada® (Tabl.) 63%
VOICE2012Frauen, 18-45 Jahre, Afrika5029Tenofovir Vaginalgel, Tenofovir Tabl, oder Truvada® Tabl.0%
Bangkok tenofovir Studie2013drogengebrauchende Männer und Frauen, Thailand2413Tenofovir Tabl.49%
FACTS 0012015Frauen, 18-30 Jahre, Afrika2059Truvada® (Tabl.)0%
IPERGAY2015MSM und Transgender Frauen, Frankreich und Kanada400Truvada® (Tabl.) [intermittierende Dosierung]86%
PROUD2015MSM und Transgender Frauen, England544Truvada® (Tabl.)86%
Hinweis: Truvada® Tabletten enthalten zwei Wirkstoffe (tenofovir und emtricitabin)

 

Beispielhaft sei an dieser Stelle der Ablauf einer der aussagekräftigsten Studien dargestellt. (Siehe Abbildung unten).

In der PROUD-Studie (2015) nahmen 544 Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), teil. Sie wurden ausgewählt, weil sie angaben, mit mehreren Partner Sex zu haben, unregelmäßig Kondome zu benutzen, Drogen einnahmen, schon sexuell übertragbare Infektionen und auch schon mindestens eine Postexpositionsprophylaxe (PEP) hinter sich hatten.

Die Männer wurden zufällig auf zwei Gruppen aufgeteilt (Randomisierung): Eine Interventionsgruppe und eine Kontrollgruppe. Die Interventionsgruppe begann sofort mit der Einnahme von einer Tablette Truvada® täglich. Die Teilnehmer wussten darüber Bescheid, dass die Wirkstoffe effektiv waren und dass sie zur Interventionsgruppe gehörten. Die Kontrollgruppe bekam keine Tabletten. (Die Teilnehmer konnten sie allerdings je nach Studienergebnis nach einem Jahr auch bekommen, wenn sie wollten). Der Vergleich beider Gruppen bezog sich demnach auf die sofortige vs. die verzögerte Einnahme der PrEP. Beide Gruppen wurden im dreimonatigen Abstand auf sexuell übertragbare Infektionen untersucht und bekamen Informationen über Safer-Sex, ihnen wurden Kondome und Gleitmittel nach Bedarf gegeben.

Während der Studie wurde festgestellt, dass sich in der Interventionsgruppe insgesamt 3 Männer mit HIV infiziert hatten, in der Kontrollgruppe waren es hingegen 20! Aus diesem Grund wurde die Studie vorzeitig vor dem Ende abgebrochen.

Als Ergebnis wurde berichtet, dass die PrEP (mit Truvada®) das Risiko einer HIV-Infektion um 86% zu reduzieren vermag. Wenn man davon ausgeht, dass das Sexverhalten in beiden Gruppen annährend gleich gewesen ist, konnten also mit der PrEP 17 Neuinfektionen verhindert werden. Die Teilnehmer der Interventionsgruppe berichteten über sehr wenige Nebenwirkungen (von 268 Männern hörten deswegen nur einer mit der Einnahme auf, 12 unterbrachen die Einnahme, begannen jedoch wieder damit). Die Rate der Infektionen mit anderen Erregern blieb in beiden Gruppen gleich hoch.

Mit anderen Worten bedeutete das Ergebnis der PROUD-Studie, dass man 13 Männern mit hoch riskantem Sexualverhalten ein Jahr lang die PrEP verabreichen muss, um eine Neuinfektion zu verhindern. Das ist eine Kennzahl in der Medizin, die man mit „Anzahl der nötigen Behandlungen“ bezeichnet. Je niedriger die Zahl ist, desto wahrscheinlicher ist der Nutzen der Intervention. (Zum Vergleich: nach einem Herzinfarkt müssten 187 Personen ein Jahr lang mit einer Dosis Salizylsäure (z.B. Aspirin®) behandelt werden, um einen Todesfall zu verhindern).

Zu ähnlich „guten“ Ergebnissen kam auch die französische IPERGAY-Studie (2015), etwas niedriger lagen die Ergebnisse der TDF-2-Studie (2011) aus dem afrikanischen Botswana (siehe Tabelle oben). Das Versagen der Intervention in Studien aus Afrika 2011 (Fem-PrEP), 2012 (VOICE) und 2015 (FACTS 001) kann dadurch erklärt werden, dass es den Studienteilnehmern nicht konsistent und konsquent gelungen ist, sich an die Einnahmevorschriften zu halten. Das ist natürlich auch für PrEP insgesamt wichtig, denn die Wirksamkeit der PrEP ist nur dann gegeben, wenn die Anwender die Medikamente auch wirklich konsequent und regelmäßig einnehmen. Unter diesen Voraussetzungen gilt die PrEP inzwischen als sehr effektiv, um eine Infektion mit HIV zu verhindern. Eine offene Frage ist allerdings noch, was unter „regelmäßiger Einnahme“ zu verstehen ist: Regelmäßig im Sinne von täglich oder im Sinne von „immer dann, wenn ich Sex haben will“? Etwas Licht in diese Angelegenheit bringen die Ergebnisse der französisch/kanadischen IPERGAY-Studie (2015). Hier war im Studiendesign nicht die regelmäßige, tägliche Einnahme vorgesehen, sondern die sogenannte „anlassbezogene Einnahme“. Trotzdem kommt auch diese Studie zu den gleichen guten Ergebnissen wie die englische PROUD-Studie (siehe Tabelle oben). Wirklich gesicherte Aussagen über die Wirksamkeit der PrEP können zurzeit allerdings einzig über die tägliche Einnahme gemacht werden.


 Wie schneidet die PrEP im Vergleich zu anderen Methoden der Prävention ab?

Eine 86%-ige Risikoreduktion der PrEP übertrifft mit Ausnahme der Option „Prävention durch Therapie“ alle anderen Präventionsmaßnahmen (von der Enthaltsamkeit einmal abgesehen). Eine gut funktionierende Therapie einer HIV-positiven Person reduziert das Risiko um fast 96%. Der Gebrauch von Kondomen wurde in unserem Zusammenhang noch nicht durch randomisierte Studien untersucht.


 Ist die PrEP bei heterosexuellen Männern und Frauen genauso effektiv?

Die Studien mit MSM haben durchgehend zu guten Ergebnissen geführt. Die Studien mit heterosexuellen Menschen führten dagegen zu widersprüchlichen, wenn nicht gar zu ziemlich ernüchternden Resultaten. Besonders in den afrikanischen Ländern, in denen HIV unter den Heterosexuellen am meisten verbreitet ist, hat es den Anschein, als ob die PrEP überhaupt keine Wirksamkeit hat. Es handelt sich jedoch dabei um Untersuchungen, bei denen der Wirkstoff als Vaginalgel verabreicht wurde. Hier gehen die Forscher davon aus, dass das Medikament nicht konsequent (wenn überhaupt) angewendet worden ist. In den Studien aus Afrika (2011, Partners PrEP, und 2011, TDF-2) und bei Drogengebrauchern in Thailand (2013, Bangkok tenofovir study) lagen die Raten der Risikoreduktion zwischen 44% und 75%. Hier wurde der Wirkstoff durch eine Pille verabreicht. Man kann davon ausgehen, dass es einfacher ist, einmal am Tag eine Pille zu sich zu nehmen, als sich im Ernstfall eine Tube Gel in die Vagina zu drücken. Entscheidend scheint demnach zu sein, wie gewissenhaft und konsequent die PrEP angewendet wird. Es gibt aber offensichtlich biologische Faktoren, die die Wirkung einer PrEP bei Frauen weniger wirksam machen: Die Konzentration von Tenofovir ist in der Schleimhaut der Vagina und im Rektum nach einer Einzeldosis geringer als bei Männern. Frauen müssten damit nahezu 100% konsequent bei der Einnahme der Medikamente sein.


 Wie lange dauert es, bis die PreP nach Beginn wirksam wird?

Eine ausreichende Konzentration von Truvada® im Blut und der Rektalschleimhaut wird normalerweise nach vier bis sieben Tagesdosen erreicht (besonders wichtig für Männer, die Sex mit Männern haben). Bei den oben erwähnten niedrigeren Konzentrationen bei Frauen wird eine ausreichende Konzentration vermutlich erst nach drei Wochen täglicher Einnahme erreicht.


 Wie konsequent muss man sie einnehmen, damit sie effektiv bleibt?

In der iPrEX-Studie (2010) wurde die Wirkstoffkonzentration (von Truvada®) in regelmäßigen Abständen gemessen. Daraus versuchten die Forscher, die Anzahl der Dosen zu errechnen, die die Versuchspersonen tatsächlich eingenommen hatten, und verglichen diese mit den Anzahl der HIV-Infektionen, die theoretisch dadurch vermieden werden konnten:

Anzahl der Dosen pro Woche durchschnittliche Risikoreduktion in % Vertrauensintervall
weniger als 24431-77
2-38621-99
mehr als 410086-100

Da in der iPrEX-Studie MSM und Transgenderfrauen untersucht wurden, gelten diese Resultate streng genommen nur für Analverkehr und nicht für eine HIV-Exposition bei Vaginalverkehr und sollten deshalb mit Vorsicht interpretiert werden (auch die angegebene Risikoreduktion bei mehr als 4 Tabletten pro Woche liegt in einem Bereich von 86-100% und nicht bei 100%, auch wenn es unter diesen Bedingungen bei der Studie zu keiner HIV-Infektion gekommen war).

Wenn sich Personen sicher sind, dass sie über mehrere Tage oder einen längeren Zeitraum keinen Sex haben werden, kann es sein, dass sie auf die Einnahme der Tabletten verzichten. Sie müssen dabei bedenken, dass es unter Umständen nach Beginn der erneuten Einnahme wieder einige Tage dauern kann, bis eine ausreichende Konzentration des Wirkstoffs im Blut und den Schleimhäuten erreicht ist.

Gerade für diesen Fall wurde in der IPERGAY-Studie (2015) danach geschaut, ob es auch eine Schutzwirkung geben kann, wenn die Tabletten nach Bedarf und nicht regelmäßig (also im Idelafall täglich) eingenommen werden.


 Muss die PrEP täglich eingenommen werden, oder ist auch eine anlassorientierte Einnahme wirksam?

In der IPERGAY-Studie sollten die Personen der Interventionsgruppe 2 bis 24 Stunden vor dem „möglichen“ Geschlechtsverkehr zwei Tabletten Truvada® zu sich nehmen, danach alle 24 Stunden jeweils eine Tablette. In der Interventionsgruppe kam es zu einer Rate von 0,9% an HIV-Infektionen, in der Kontrollgruppe waren es 6,8% (woraus sich eine Risikoreduktion von 86% errechnet, ein Ergebnis wie in der PROUD-Studie, in der die Teilnehmer die Tabletten täglich nehmen mussten).

Das anlassbezogene Einnahmeschema sah unter unterschiedlichen Bedingungen folgendermaßen aus:

Für manche Menschen ist es einfacher, sich immer dann an ein Einnahmeschema zu halten, wenn es notwendig ist, das heißt, wenn sie tatsächlich beabsichtigen Sex zu haben. Anderen wiederum fällt es leichter die Tablette jeden Tag zu schlucken, damit sie bei einem recht komplizierten Schema (siehe unten) keine Einnahme übergehen. Es gilt zu bedenken: Bei Einnahme nach einem anlassbezogenen Schema fällt eine Dosis, die ausgelassen oder vergessen wird, viel schwerer ins Gewicht.

Auf der anderen Seite spart man mit der Einnahme von weniger Tabletten immer dann, wenn sie tatsächlich auch gebraucht werden, insgesamt Geld und das Risiko von Nebenwirkungen sinkt.

Wenn am Wochenende Sex an mehr als einem Tag geplant ist:

Wenn es innerhalb von sieben Tagen wieder zum Sex kommt:

Wenn dazwischen mehr als sieben Tage liegen:


 Welche Nebenwirkungen hat die PrEP mit Truvada®?

Wie bei allen Medikamenten gegen HIV können auch bei der PrEP Nebenwirkungen auftreten.

Kurzzeitig auftretende Beschwerden (bei etwa einer von zehn Personen während der ersten Wochen der Einnahme):

  • Übelkeit
  • Müdigkeit
  • Magen-Darm-Beschwerden und
  • Kopfschmerzen.

Truvada® wurde für die PrEP gewählt, da es sich bereits bei der Behandlung der HIV-Infektion als wirksam erwiesen und nur sehr wenig Nebenwirkungen hat.

Zur Erinnerung: Truvada® ist ein Kombinationspräparat (bestehend aus Tenofovir und Emtricitabin). Die Tenofovir-Komponente kann bei längerer Einnahme und bei älteren Menschen zu Einschränkungen der Nierenfunktion und zu einer verminderten Knochendichte führen. Bei jüngeren Menschen, die die PrEP nicht über einen längeren Zeitraum (also wohl nicht lebenslang) einnehmen müssen, stehen diese Nebenwirkungen nicht unbedingt im Vordergrund, sollten aber in den kommenden Jahren sorgfältig beobachtet werden. In Studien, die sich über mehrere Jahre hinzogen, wurde bei 2% der Personen eine Einschränkung der Nierenfunktion festgestellt, die sich allerdings nach Absetzen des Medikaments wieder normalisierte. Auch eine Verminderung der Knochendichte erwies sich nach dem Absetzen als reversibel.


 Können sich Resistenzen gegen die PrEP entwickeln?

Unter der Therapie der HIV-Infektion kommt es im Laufe der Zeit dazu, dass das Virus gegen den einen oder anderen Wirkstoff eine Resistenz entwickelt. Das Medikament wirkt dann nicht mehr oder nicht mehr so effektiv. Da die PrEP verhindern soll, dass eine Person HIV-positiv wird, sollte sich in ihrem Körper auch kein Virus befinden, das das Zusammentreffen mit dem Medikament überlebt. Aus diesem Grund sollten sich bei Menschen, die eine PrEP einnehmen auch nie Resistenzen entwickeln können.

Menschen, die sich trotz PrEP infizieren (u.a. weil sie die Medikamente nicht konsequent eingenommen haben), können allerdings schon Resistenzen entwickeln. Diese Resistenz entwickelt sich eher gegen den Wirkstoff Emtricitabin als gegen das Tenofovir. Aus diesem Grund muss vor Beginn der PrEP sorgfältig überprüft werden, ob nicht bereits eine HIV-Infektion vorliegt.

Wirkt die PrEP gegen HI-Viren, die bereits dagegen resistent sind?

HI-Viren, die Resistenzen gegen HIV-Medikamente aufweisen, können beim Sex übertragen werden. Beim gegenwärtigen Stand der Forschung sei dies jedoch bisher ein eher theoretisches Problem. Zwar gäbe es einen Virenstamm der Resistenzen gegen Tenofovir aufweist (K65R), aber nach Schätzungen werde dieser Stamm nur bei einer von 1000 Übertragungen weitergegeben. Aus den bisherigen Studien versagte die PrEP kein einziges Mal wegen dieser Möglichkeit. Generell gibt es bisher erst einen dokumentierten Fall einer HIV-Infektion mit einem multiresistenten Virus unter regelmäßig eingenommener PrEP.


 Hilft die PrEP gegen andere sexuell übertragbare Infektionen?

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ACHTUNG

NEIN

Während Kondome gegen eine ganze Armee von Viren, Bakterien und unappetitlichen Ein- und Mehrzellern schützen, bietet die PrEP allein gegen HIV einen wirksamen Schutz. Untersucht wird zur Zeit noch, ob nicht auch ein gewisser Schutz gegen Herpes Simplex- und Hepatitis-B-Viren vorliegt. Aber das ist bisher unklar.


 Verändert die PrEP das sexuelle Verhalten?

Eine Kritik an der PrEP besteht darin, anzunehmen, Menschen würden sich nun einzig und allein auf die PrEP bei der Vermeidung einer HIV-Infektion verlassen und alle anderen Präventionsmethoden vernachlässigen. Es war wiederum die PROUD-Studie, die ansatzweise versucht hat, diese Frage zu beantworten. Wir erinnern uns: Die Personen in der Interventionsgruppe wussten, dass sie das Medikament mit dem Wirkstoff bekamen, sie waren auch über das Ziel und die Fragestellung der Studie aufgeklärt. Zu Beginn der Studie berichteten diese Männer, mit durchschnittlich zehn anderen Männern in einem Zeitraum von drei Monaten Sex gehabt zu haben. Die meisten benutzen dabei Kondome, aber nicht immer und nicht immer konsequent. Einige hatten kürzlich eine PEP (Postexpositionsprophylaxe) hinter sich und berichteten über sexuell übertragbare Infektionen. Sie gehörten (entsprechend dem Studiendesign) zu einer Gruppe von MSM, die über hochriskantes sexuelles Verhalten berichteten. Sie waren sich darüber im Klaren und wollten auch aus diesem Grund an der Studie teilnehmen.

Die meisten dieser Männer änderten ihr Verhalten während der Studie nicht (das gleiche galt auch für die Personen in der Kontrollgruppe). Dies deutet darauf hin, dass die meisten Männer die PrEP zum Repertoire ihrer bereits angewandten Strategien eine Infektion zu meiden hinzufügten. Sie ersetzten also Kondome nicht mit der PrEP. Nur für eine kleine abgrenzbare Gruppe von MSM konnte gezeigt werden, dass sie vom Schutz der PrEP so überzeugt waren, dass sie beim rezeptiven Analverkehr auf Kondome verzichteten, was sich aber nicht in einer höheren Rate an anderen sexuell übertragbaren Infektionen niederschlug.


 Wie lange werden Menschen die PrEP einnehmen?

Man geht davon aus, dass Menschen, so sie denn die PrEP als Präventionsmethode benutzen wollen, diese nicht ihr ganzes Leben einnehmen. In Ländern, in den die PrEP schon seit einigen Jahren zur Verfügung steht (beispielsweise in den USA), hören die Menschen mit der PrEP auf, sobald sie nicht mehr das Gefühl haben, einem Risiko ausgesetzt zu sein, über einen längeren Zeitraum eine Zunahme der Nebenwirkungen befürchten oder der reglementierten Einnahmevorschriften überdrüssig werden und die Checkups beim Arzt mehrmals im Jahr zu belastend sind.

Die PrEP eignet sich am besten für eine Einnahme über Monate bzw. längstens ein paar Jahre, nämlich dann, wenn das Risiko einer HIV-Infektion besonders hoch ist: Für junge Erwachsene, die ihre ersten Erfahrungen beim Sex machen, nach Trennungen auf der Suche nach einem neuen Partner / einer neuen Partnerin, wenn man beim Sex nicht auf den Gebrauch von Drogen verzichten kann oder will.


 Wieviel wird die PrEP kosten?

In Deutschland schlägt eine Monatspackung zur Zeit noch mit über 800 EUR zu Buche. Die Krankenkassen haben bereits durchblicken lassen, dass die PrEP nicht zu ihrem Leistungskatalog gehören wird. Deshalb wird die PrEP hier entscheidend von der eigenen finanziellen Leistungsfähigkeit abhängen. Die Kosten werden höchstwahrscheinlich in den nächsten Jahren sinken, wenn das Patent auf die Wirkstoffe ausläuft (Truvada® besteht aus einer Kombination der Wirkstoffe Emtricitabin und Tenofovir. Bei Tenofovir läuft das Patent Ende 2017 aus, bei Emtricitabin irgendwann zwischen 2017 und 2021). Ab dann können andere Pharmafirmen eigene Kombinationsprodukte auf den Markt bringen, die wesentlich billiger sein werden. Abzuklären wäre in diesem Zusammenhang auch noch, ob die notwendigen und regelmäßigen Untersuchungen durch die Kasse übernommen werden.

Die tatsächlichen Kosten der Therapie einer HIV-Infektion sind um ein Vielfaches höher als die PrEP, zumal die Therapie ein Leben lang genommen werden muss, die PrEP nur über einen überschaubaren Zeitraum. Studien aus England kamen zu dem Schluss, dass die PrEP dann einen positiven Kosten-Nutzen-Effekt hat, wenn sie auf bestimmte Personengruppen beschränkt bleibt: Dazu gehören Männer, die Sex mit anderen Männern haben, die kürzlich unter einer sexuell übertragbaren Infektion litten und in den letzten drei Monaten ungeschützten Analverkehr mit wenigstens fünf unterschiedlichen Partnern hatten.

Aber auch wenn die PrEP für Menschen aus Gruppen, die sich beim Sex einem hohen Risiko aussetzen, einen signifikanten Vorteil hat, bedeutet das nicht notwendigerweise, dass dadurch das Ende der HIV-Epidemie nahe ist. Besonders dann nicht, wenn die PrEP dazu führt, dass Menschen beim Sex öfters auf das Kondom verzichten. Auch die PrEP ist kein 100%-iger Schutz!


 Was ist vor und während der Einnahme der PrEP noch zu beachten?

Wer daran denkt, die PrEP zu nehmen, sollte sich vorher genauestens informieren. Die Zulassung der PrEP ist in Deutschland an die Auflage gebunden, dass die Pharmafirmen entsprechendes Informationsmaterial für Anwendung und Verschreiber zur Verfügung stellen.

Vor Beginn sollte jede/jeder sein individuelles Risiko einer HIV-Infektion gewissenhaft abklären. Ein HIV-Antikörpertest (der 4. Generation) mindestens vier Wochen vor Beginn ist notwendig, um eine bislang unerkannte Infektion mit HIV rechtzeitig zu entdecken (denn das wäre eine Kontraindikation für die PrEP). Ebenso sollten sexuell übertragbare Infektionen vorher behandelt werden. Man sollte sich auch Gedanken darüber machen, ob man tatsächlich in der Lage ist, Medikamente über einen längeren Zeitraum regelmäßig zu nehmen. Unter der PrEP sollte alle drei Monate ein HIV-Antikörpertest gemacht werden und es sollten Untersuchungen der Niere und der Knochendichte stattfinden.

PräExpositionsprophylaxe

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